Antworten auf Kritik, Teil 1: Benutzt die Hanfpartei die Hanf-Community?

Mit zunehmender Bekanntheit schießen Kritiker und Hater ihre Giftpfeile auf die „Hanfpartei – die wahren Sozialdemokratein“. In einer Interview-Reihe antwortet der Bundesvorsitzende Roland Kahl auf Kritik und Hass. Er erläutert die Motive der Hasser und auch die erheblichen Nachteile, die unser Bekenntnis zu Cannabis hat.

Benutzt die Hanfpartei die Hanf-Community?

Roland Kahl: Diese Frage stellen nur Hater. Benutzt ein Fussballverein die Fussballer? Benutzt die Rentnerpartei die Rentner? Benutzt die Partei der Bibeltreuen Christen die Christen? Benutzt die MLPD die Kommunisten? Wer meint: „Ihr benutzt ja nur Eure Zielgruppe“, ist so kindisch, als würde man der Feuerwehr vorwerfen, Brände zu „benutzen“, und Erzieher/innen würden in ihrer Kita Kinder „benutzen“, um einen Job zu haben. Man muss es eher umgekehrt sehen. Die Hanf-Community ist eingeladen, uns zu benutzen, wenn sie ihre Ziele erreichen will.

Wie ich im Telepolis-Interview erklärte, ist unsere Partei nachvollziehbar aus dem Thema Cannabis heraus entstanden und damit absolut authentisch. Ohne das Thema Cannabis wäre die Partei nicht gegründet worden. Die meisten Mitglieder sind Cannabis-Konsumenten. Wir sind die Partei mit dem größten Bekenntnis zum Thema Hanf / Cannabis. Von den Grünen und der FDP kamen allenfalls Lippenbekenntnisse, aber in ihrer Regierungszeit (Grüne 1998-2005, FDP 2009-2013) haben sie Cannabis weiterhin kriminalisiert. Es gibt keine Partei, die sich mehr für die Interessen der Hanf-Community einsetzt – was neben dem Genuss-Konsum auch medizinisches Cannabis und Nutzhanf umfasst. Wir sind also DIE Hanfpartei schlechthin.

Welche Motive stecken hinter solchen Vorwürfen?

Roland Kahl: Bei den Motiven würde ich zwischen drei Lagern unterscheiden: Erstens Gegner aus Eigennutz, zweitens das Lager der verbitterten Ignoranten und drittens die 1-Themen-Puristen.

Eigennutz ist vor allem das Motiv von Parteianhängern, die wie tollwütige Frettchen alles wegbeißen wollen, was ihrer eigenen Partei gefährlich werden kann.

Einer der ersten, die geradezu ausgerastet sind, ist Steffen Geyer, ein Martin Schulz-Fan und Aktivist der SPD in Berlin Wedding, der uns einlud, ihn auch namentlich zu nennen. Er schrieb: „Ein Gespenst geht um in der deutschen Cannabisszene: Die Hanfpartei“. Da mussten wir schon schmunzeln. Denn in der SPD bezeichnet man so ziemlich alle Gegner als Nazis, und aus seinem Kontext heraus wollte er uns wohl als Nazis etikettieren. Aber hier deutet sich die erste Bildungslücke des Kritikers an. Im Original heißt es: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Das ist ein Zitat aus dem Manifest der kommunistischen Partei von Marx und Engels. Was einerseits zu den Wurzeln „seiner“ SPD gehört und andererseits auch eher wenig mit uns zu tun hat, da wir über das Economic Balance System den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern dressieren.

steffen geyer spd berlin wedding

(Steffen Geyer, SPD Berlin, gab uns via Facebook wütend und im wahrsten Sinne des Wortes streitlustig die Erlaubnis, ein öffentliche Bild seines Facebook-Profils, auf dem er ein Martin-Schulz-Plakat aufhängt, in diesem Kontext zu verwenden. Das ist alles via bei Facebook gespeicherter Daten gerichtlich nachweisbar. Als wir seine Einladung annahmen, drohte er uns eine Abmahnung an. Offenbar ist ihm seine Schulz-Unterstützung inzwischen selbst peinlich)

Steffen Geyer hält Agenda 2010 Anhänger Martin Schulz für den bestmöglichen Bundeskanzler. Das muss man sich mal vorstellen. Und natürlich bekommt er Schnappatmung, weil wir die „wahren Sozialdemokraten“ sind.

Ein weiterer Fall ist ein sehr junges Mitglied der Grünen Jugend aus München, der in seinem Cannabis-Blog – weirdo oder so ähnlich – wütend tobt. Auch bei ihm ist das Motiv schnell erkennbar: Konkurrenz wegbeißen, bevor wir gefährlich für die Grünen werden.

Im Telepolis-Interview erwähnte ich ein Mitglied der Linken, die meinte, sie habe das gesamte Programm gelesen, und es sei utopisch, weil es unfinanzierbar sei. Daraufhin erklärte unser Pressesprecher, dass dies auf unserer Webseite „Steuersystem“ alles vorgerechnet wird. Antwort der Linken: „Was für ein Steuersystem?“

Aus den gleichen Gründen und mit der gleichen Unkenntnis schießen Unions-, FDP- und AfD-Anhänger gegen uns. Viel Feind, viel Ehr. Wir freuen uns, dass sie uns im Gespräch halten.

Ist die Verteidigung der eigenen Partei das einzige Motiv für das „Eigennutz-Lager“?

Roland Kahl: Nein. Aktuell tobt sich zum Beispiel ein Hobby-Blogger, der meint, er sei Journalist, weil er „Media“ ins Impressum geschrieben hat, in seinem seit Jahren toten Blog über uns aus. Er hofft, mit uns ein wenig Traffic zu generieren. In seinem Pamphlet fordert er die Beseitigung des Programmpunkst Hanf / Cannabis, hält die Bürger für zu doof für Volksentscheide, will die Schulpflicht abschaffen und ist zu jeglicher Höflichkeit unfähig. Wie auch beim weirdo Hobby-Blogger wird es immer leute geben, die auf der Hater-Masche reiten, um Traffic zu generieren, sei es gegen Linke, Rechte oder gegen uns. Unsere Bitte an die Hate-Blogger: Schreibt unseren Namen richtig, damit progressive und selbst denkende Leser unsere Website finden, wenn sie neugierig werden und sich eine eigene Meinung bilden wollen.

Inwiefern ist Ignoranz und Verbitterung das zweite Motiv?

Roland Kahl: Viele Menschen tragen eine große Bitterkeit und Frustration in sich und suchen ein Ventil. Das ist verständlich. Aber manche von ihnen schließen sich in Foren – vor allem bei Facebook – gern als Heckenschützen einem Lynchmob an und lassen ihrem Hass freien Lauf, ohne überhaupt nachzudenken. Ziemlich egal, gegen wen. Wenn irgendwo jemand ein Licht in der Dunkelheit entzündet, konzentrieren sie ihre Energie darauf, es auszupusten. In Frankreich machen die „Gelben Westen“ vor, wie und gegen wen man seine Energie sinnvoll einsetzt.

Ignorant ist, wer ein Programm gar nicht gelesen haben kann und trotzdem dagegen ist. Wer arbeitslos ist, findet mit unserem Arbeitsmarktsystem einen gut bezahlten Job. Wer schlecht bezahlt wird, erhält mit uns mehr Gehalt. Wer Altersarmut entgegensieht oder bereits drin steckt, bekommt bei uns mindestens 2.000 € Rente. Wer perspektivlos ist, hat mit uns Perspektiven. Die Schere zwischen Arm und Reich reduzieren wir auf ein akzeptables Maß. Wer mies und teuer wohnt, bekommt von uns einen mieterfreundlichen Wohnungsmarkt. Wer eine echte Demokratie, will, dem bieten wir sie an. Und vieles mehr. Wer seine Augen öffnet, nachdenkt, und ein besseres Leben für sich, seine Kinder und Enkel will, sollte uns unterstützen.

Ignorante Hater erkennt man daran, dass sie keinerlei Gegenargumente bieten außer „ich behaupte, dass das alles Unsinn ist, und basta“. Meinungen ersetzen keine Argumente. An sachlicher Kritik und wohlbegründeten Gegenargumenten sind wir sehr interessiert, weil wir so eventuelle Schwachstellen identifizieren und unser Programm noch weiter verbessern könnten.

Was ist das Argument der dritten Gruppe – der 1-Themen-Puristen?

Roland Kahl: Sobald man zu einem Thema eine Position bezieht, gibt es zwangsläufig immer einige Leute, die dagegen sind. Es gibt nichts, mit dem alle einverstanden sind. Wir zitierten einmal Bill Cosby mit „Der sicherste Weg des Scheiterns ist zu versuchen, es allen Recht zu machen.“ Sehr wahrer Satz. Woraufhin sich eine Frau bei uns beschwerte, dass man Bill Cosby und auch alle seine Werke totschweigen und vernichten müsse, weil er als Vergewaltiger verurteilt wurde. Soll man Wahrheiten und Werke zerstören, weil sie von Personen formuliert bzw. geschaffen wurden, die Verbrechen begingen? Auch darüber tobt ein erbitterter Streit. Wir leben in einer Welt, in der über alles ein erbitterter Streit tobt. Zuwanderung, Atomkraft, Wirtschaftswachstum, Konsum, Rente, Tierschutz, … mir fällt auch nach längeren Nachdenken kein Thema ein, bei dem sich alle einig sind.

Nicht einmal über kostenlose Atemluft sind sich alle einig. Marktradikale würden am liebsten und aus kranker Überzeugung Atemluft kostenpflichtig machen. So wie für Nestlé der Zugang zu Trinkwasser kein Menschenrecht, sondern eine Quelle des Profits sein soll. Gerechtigkeit, Fairness, ökologische Nachhaltigkeit, saubere Umwelt, Ressourcenschonung, Recht auf Leben für Wildtiere, Recht auf was auch immer: Irgendwer ist immer dagegen und dreht durch. Das ist uns egal. Wir haben wohlbegründete Positionen und bleiben so lange dabei, bis uns jemand bessere Argumente nennt.

Wir könnten als 1-Themen-Partei für legales Cannabis antreten. Hanfverband-Geschäftsführer Georg Wurth begründete jedoch ebenso wie wir die Meinung, dass eine 1-Themen-Partei chancenlos ist. Ein schönes Beispiel ist die Grundeinkommens-Partei „Bündnis Grundeinkommen“, wo man sich gedacht hat: „Wir haben ausschließlich das Thema Grundeinkommen im Programm, und das sogar ohne konkretes Modell. Dann sind Millionen Grundeinkommens-Freunde dafür und wählen uns. Zumal wir kein sonstiges Programm haben und damit auch nichts, wogegen man sein kann.“ Ergebnis trotz riesiger BGE-Fangemeinde und großer Publicity für diese Partei: 0,2% bei der Bundestagswahl. Ein Fiasko.

Da Wähler auf jedes politische bzw. ökonomische Problem zu Recht eine Antwort erwarten, ist eine 1-Themen-Partei offensichtlich und nachweislich sinnlos. Folglich haben wir ein Vollprogramm, mit dem wir diejenigen erreichen wollen, die eine soziale und demokratische Alternative zu den anderen Parteien suchen. Wer sich daran reibt, sagt durch die Qualität seiner Argumentation und seine eigenen Ziele viel über sich selbst aus.

Vor- und Nachteile

Hat es mehr Vor- oder Nachteile, sich im Namen und im Programm zu Hanf bzw. Cannabis zu bekennen?

Im Telepolis-Interview erklärte ich: „Cannabis öffnet vielleicht die Tür. Mit unseren sozialdemokratischen Inhalten sind wir mehrheitsfähig und machen etwas daraus.“

Wir haben eine Zielgruppe und zahlen durch unser Bekenntnis zu den Cannabis-Freunden auch einen hohen Preis. Es gibt etwa 4 Millionen aktive Kiffer, für die wir die ideale politische Heimat sind. Das hört sich erst mal nach viel an. Aber wie Otto Normalverbraucher und Erika Mustermann sind auch Cannabis-Konsumenten politisch eher gering interessiert und engagiert.

hanfverband mitgliederzahlLaut Deutschem Hanfverband und Jugendrichter Andreas Müller werden jedes Jahr rund 100.000 Kiffer vor Gericht gestellt – und nur 2.000 sind Mitglied im Hanfverband. Das ist wirklich ernüchternd. Der Hanfverband ist 16 Jahre alt. In dieser Zeit standen Millionen Kiffer vor Gericht. Nach 16 Jahren ist eine Mitgliederzahl von lediglich 2.000 leider kein Zeichen für eine engagierte Zielgruppe. Und das bei so vielen Justizopfern, deren Freiheit, Familie und Arbeitsplatz durch die Willkür der Regierungsparteien in Gefahr sind – und bleiben.

Ein Teil der ohnehin Wenigen, die potentiell aktiv sind, wird von destruktiven Hatern desinformiert. Wer dann noch übrig bleibt – also wer engagiert und selbstdenkend ist – würde uns mit hoher Wahrscheinlichkeit wählen. Aber nur, wenn er oder sie von uns weiß. Also kommt nach politischem Desinteresse und Hater-Desinformation ein dritter Filter hinzu: Bekanntheit. Da die Medien alle Kleinparteien totschweigen, ist Bekanntheit ein langer, mühsamer Weg.

Und schließlich zahlen wir für die 4 Millionen potentiellen Wähler einen sehr hohen Preis: Etwa 50 der 61,5 Millionen Wähler in Deutschland lehnen die Re-Legalisierung von Cannabis – und damit auch uns – ab. Wozu die Desinformationskampagne der Massenmedien und Regierungsparteien beim Thema Cannabis viel beiträgt.

Selbst unter denen, die uns wohlgesonnen oder gar aktive Kiffer sind, ist die sichtbare Unterstützung oft nicht möglich. In unserer Facebook-Gruppe haben wir 2 Arten von Mitgliedern. Etwa ein Drittel ist von sich aus beigetreten. Etwa zwei Drittel wurden von Freunden hinzugefügt. Von den Hinzugefügten haben etwa 90% schnellstens die Gruppe verlassen. Wir haben nachgeforscht, woran es liegt. Fast alle haben gesagt: „Ich finde Euch gut, aber ich kann mir nicht leisten, mit Cannabis in Verbindung gebracht zu werden.“ Eine öffentlich sichtbare Mitgliedschaft in einer Partei, die Cannabis re-legalisieren will, ist ein Problem bei Arbeitgebern und oft auch bei der Familie. Ein Ortsverbands-Vorstand war in einer Lokalzeitung. Seine Mutter sagte: „Junge, was tust Du mir an! Die Nachbarn bei uns im Dorf reden schon über Dich.“ Letzte Woche schrieb mir jemand, dass er unser Programm super findet und uns wählen würde, die Gruppe aber verlassen müsse, da er wegen Cannabis-Konsum vor Gericht steht und davon bedroht ist, deshalb seine Kinder zu verlieren.

So problematisch ist das Thema, das wir im Namen tragen und für das wir stehen. „Mal eben eine Zielgruppe benutzen“ ginge mit anderen Themen viel einfacher. Aber wie gesagt, sind wir aus Cannabis heraus entstanden.

Unser Name und unsere Forderung der Re-Legalisierung von Cannabis bringt uns als Partei mehr Nachteile als Vorteile.

Zusammengefasst würde ich sagen: Wir sind die einzige authentische Cannabis-Partei, zahlen dafür einen sehr hohen Preis, und sind auf absehbare Zeit die einzige Partei, die Cannabis re-legalisieren kann. Dazu braucht man eine Mehrheit im Parlament. Der Schlüssel dazu ist der Rest unseres Programms, vor allem die Themen Arbeitsmarkt, Rente, Grundeinkommen, Demokratie und Mieten.

Außer uns bietet keine Partei der Cannabis-Community eine politische Heimat.

 

In Teil 2 lest Ihr: Antworten auf die Kritikpunkte Zuwanderung und Demokratie.

2019-01-04T10:47:34+00:00

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