Kanada gibt Cannabis frei: Offener Brief an Bundesdrogenbeauftragte Mortler

Sehr geehrte Frau Mortler,

aktuell haben Sie im Deutschlandfunk ein Interview gegeben – Ihre inhaltlichen Aussagen möchte ich gerne aufgreifen.

Sie sprachen unter anderem sinngemäß an, dass Kanada aus Ihrer Sicht Cannabis verharmlose. Das sehen wir – und Millionen Bürger – ganz anders.

Kanada hat Cannabis verstanden

Kanada hat Erkenntnisprozesse aus Jahrzehnten der Prohibition zugelassen und ist letztendlich zur Einsicht gekommen, dass die Prohibition einer uralten und seit tausenden von Jahren benutzten Heil-, Medizin-, Genuß-, Nahrungs- und Nutzpflanze den Bürgern und dem Staat weitaus teurer zu stehen kommt als sie zu re-legalisieren.

Wir reden von entlasteten Polizeiapparaten, entlasteter Justiz und von einer sehr großen Anzahl von Bürgern, die – obwohl keine Kriminellen – nach der gegenwärtigen Rechtspraxis aus rein ideologischen Gründen zu Verbrechern erklärt werden.

Wir reden auch von kranken Menschen, die oftmals nicht das Glück haben einen Arzt zu finden der ihnen Cannabis verordnet. Und falls es doch gelingt, gibt es noch die große Hürde der Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Was oft ein langer und nicht selten auch vergeblicher Weg ist.

Was öfters dazu führte, dass Betroffene Selbsthilfe betrieben, selbst anbauten, erwischt wurden und mit hohen Strafen belegt wurden.

Tote Alkohol und Cannabis: 74.000 zu Null

Immer mehr Menschen wundern sich über die widersprüchliche Drogenpolitik Deutschlands – zum einen ist Alkohol (mit ca. 74.000 Menschen, die an den Folgen des Alkoholmißbrauchs sterben) allseits akzeptiert – und völlig legal. Kulturell eingeübtes Brauchtum nennt man es auch, man kann es jedes Jahr massenhaft auf dem Oktoberfest in München bewundern: www.muenchenkotzt.de

Cannabis hingegen ist (ohne tödliche Nebenwirkungen) verboten – die einzig negative Nebenwirkung ist die harte Strafverfolgung mit weiteren Nebenwirkungen – wie Verlust des Führerscheins, des Arbeitsplatzes und ungünstigenfalls sogar der Freiheit. Und das für das Besitzen und Konsumieren einer Pflanze, die in vieler Weise sogar therapeutisch wirksam ist.

Das einzig illegale an Cannabis ist die Tatsache, dass es noch heute als illegal erklärt wird.

Jugendschutz

Sie sagten auch sinngemäss, dass die Prohibition dem Jugendschutz dienlich sei. Das ist nicht zutreffend. Es ist keine schöne Vorstellung, dass sich Jugendliche aktuell beim Dealer Cannabis aus dubiosen Quellen kaufen, sehr wahrscheinlich gestreckt mit Chemikalien, Blei, Puder und weiteren äusserst ungesunden bis gefährlichen Zutaten, die man bei legalem Cannabis nicht befürchten müsste. Ganz davon zu schweigen, dass der Dealer nicht nur Cannabis sondern weitaus gefährlichere Drogen mit sich führt. Das ist kein Jugendschutz, das ist abseits der Realität.

Wissenschaftliche Studien und Fakten

Kommen wir zu den weiteren Fakten:

Im Jahre 2015 wurden die Ergebnisse einer Studie der Professoren Lachenmeier und Rehm von den Universitäten Karlsruhe und Dresden bekannt: Alkohol ist tatsächlich eindeutig wesentlich gefährlicher. Die Forscher untersuchten das Risiko eines durch den Konsum verschiedener Substanzen verursachten Todes, die Ergebnisse zeigten: Alkohol ist nach den Maßstäben der Studie ganze 114 mal gefährlicher als Cannabis. Lachenmeier und Rehm kamen zu dem Schluss, dass nur Heroin (!) gefährlicher als Alkohol sei. Eigentlich müsste Cannabis erlaubt sein und Alkohol und Tabak verboten, alles andere ist nicht rational.

Konsequenterweise müssen Sie – wenn Sie Cannabis nicht legalisieren und weiterhin als illegale Droge betrachten wollen – Alkohol und Zigaretten als harte Drogen sofort verbieten und mit schweren Strafen bewehren, um weiteren Schaden von den Bürgern abzuwenden.

Weitere Fakten liefert der Roques-Report, den Professor Bernhard Roques 1998 im Auftrag des französischen Gesundheitsministeriums erstellte. Es wurde belegt, dass die potentiellen gesundheitlichen Schäden eines starken Konsums von Alkohol eindeutig gravierender sind als bei Cannabis.

2010 erkannte der britische Professor David Nutt, früherer Berater der britischen Regierung in Drogenfragen in einer Studie zur Gefährlichkeit von Drogen zu dem Ergebnis, dass Alkohol „die schädlichste Droge“ sei – das Gefahrenpotential des Rauschmittels wurde von ihm sogar noch höher eingeschätzt als das von Heroin! In Bezug auf Rauschmittel setzt Professor Nutt auf Aufklärung statt Kriminalisierung, zwar sind nach seinen Erkenntnissen alle Drogen schädlich, jedoch nicht gleichermaßen, weshalb mündige Bürger die Möglichkeit haben sollten, informierte und rationale Entscheidungen über den Konsum zu treffen.

Trauen Sie den Bürgern die Mündigkeit bei Cannabis nicht zu? Bei Bier, Wein und Spirituosen ist der eigenverantwortliche Umgang mit dem Rausch doch auch kein Problem.

Noch mehr Fakten?

Fakten zum Thema Abhängigkeit

Alleine in Deutschland sterben jedes Jahr mindestens 74.000 Menschen an den Folgen des Missbrauchs von Alkohol.

Ca. 96 Prozent aller 18- bis 64-jährigen konsumieren zumindest gelegentlich Alkohol. Ganze 9,5 Millionen Menschen in Deutschland trinken in schädlicher Form, missbrauchen die Volksdroge in gesundheitlich riskanter Weise. Bei 3,1 Prozent der erwachsenen Allgemeinbevölkerung besteht eine Alkoholabhängigkeit, 3,4 Prozent weisen einen entsprechenden Missbrauch auf. Der Schätzwert bei missbräuchlichem Konsum von Cannabis liegt bei 0,5 Prozent. Auch hier punktet Cannabis eindeutig.

Alkoholmissbrauch ist laut WHO (Zahlen von 2012) weltweit für 3,3 Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich Cannabis hingegen hat noch keinen einzigen Todesfall verursacht.

Es ist schlicht nicht nachvollziehbar, dass insbesondere die CSU den Tod zahlloser Menschen durch Alkohol billigend in Kauf nimmt und eine Pflanze weiterhin verbieten will, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit bei zahlreichen Anwendungen von Nutzen ist.

Es gibt kein Argument, das die gegenwärtige Situation rechtfertigen könnte. Als Drogenbeauftragte sollten Sie sich dieser Tatsache nicht verschließen.

Die Haltung der CSU – vor allem ihre nicht nachvollziehbare Haltung zu legal-tödlichen und illegal-nicht-tödlichen Substanzen führte unter anderem dazu, dass ich als Cannabispatient (aufgrund eines chronischen Schmerzleidens) die Hanfpartei – die wahren Sozialdemokraten – gründete.

Wir sind der Meinung, dass die Prohibition auf falschen Annahmen und Vorurteilen basiert, die noch aus den Zeiten Harry Anslingers stammen.

Deswegen tut es not, dass sich eine Partei dieses Themas annimmt, die die Legalisierung ernst meint. Und diese Partei wächst, weil immer mehr Menschen den Unsinn paternalistischer Bevormundung nicht mehr akzeptieren – und die Prohibition als Vergewaltigung ihrer Weltanschauung erleben.

Nachfolgende Karte: Medizinisches Cannabis, weltweite freie Erhältlichkeit; allerdings in Deutschland prohibitiv teuer und kaum von den Kassen finanziert

medizinisches cannabis legal welt karte

Es macht auch keinen Sinn, ca. 4 Millionen Bürger als Quasi-Kriminelle zu betrachten, nur weil sie Cannabis aus Genußgründen, aber auch auch gesundheitlichen Gründen konsumieren.

Uruguay und Kanada machten den Anfang echter Legalisierung, ich bin gespannt, wann es in Deutschland soweit ist.

Wie lange wollen Sie sich noch der Re-Legalisierung gegenüber verschließen?

Viele Grüße,

Roland Kahl

Bundesvorsitzender

(Bilder: Wikipedia, Karte medizinisches Cannabis: Trinitesque; Weltkarte legales Cannabis: Multiple Autoren)

2018-10-19T21:29:27+00:00